Prof. Dr. Dr. h. c. Boris Meissner:

Die Entwicklung des Göttinger Arbeitskreises e. V. seit 1946 und sein Beitrag zur Osteuropaforschung

Der Göttinger Arbeitskreis e. V. hat in den fünfzig Jahren seines Bestehens zahlreiche Wandlungen erfahren.

Nach der Gründung des Arbeitskreises 1946 stellten die Ostverträge von 1970 sowie die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und der Zerfall der Sowjetunion 1991 Einschnitte dar, die sich auf seine Lage und Tätigkeit ausgewirkt haben.

Daher können in der Entwicklung des Göttinger Arbeitskreises drei Phasen unterschieden werden, auf die im folgenden näher eingegangen werden soll.

I. Von der Gründung des Göttinger Arbeitskreises bis zu den Ostverträgen

Der Göttinger Arbeitskreis ist am 1. November 1946 als eine Arbeitsgemeinschaft ostdeutscher Wissenschaftler, die überwiegend mit Königsberg und Ostpreußen verbunden waren, in Göttingen begründet worden. An seiner Gründung hatte der Kurator der Universität Königsberg und erste Vorsitzende des Arbeitskreises, Dr. h. c. Friedrich Hoffmann, wesentlichen Anteil.

Der Göttinger Arbeitskreis stellte sich die Aufgabe, die Vergangenheit und Leistung der vertriebenen und umgesiedelten Deutschen in ihren Heimatgebieten darzustellen und dafür einzutreten, daß soviel wie möglich von den deutschen Ostgebieten, d. h. den Gebieten ostwärts der Oder und der westlichen Neiße, Deutschland erhalten bleibt.

Der Arbeitskreis konstituierte sich 1948 als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts, 1958 erfolgte seine Umwandlung in einen eingetragenen Verein.

Zu seiner Aufgabenstellung wurde in der Satzung erklärt: „Der Verein bezweckt die Erforschung aller Probleme, die mit der Deutschlandfrage, den deutschen Vertriebenen und ihren Heimatgebieten zusammenhängen, sowie die Herausgabe von Veröffentlichungen zu diesen Fragen.“

Seit dem Tode von Kurator Hoffmann war der bekannte Völkerrechtler Professor Dr. Herbert Kraus Vorsitzender (mit der Bezeichnung Präsident) und Dr. Wolf Freiherr von Wrangel stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft. Geschäftsführendes Vorstandsmitglied war Joachim Freiherr von Braun, der in der ersten Phase die Tätigkeit des Göttinger Arbeitskreises entscheidend geprägt hat. Ihm ging es, ebenso wie dem Vorstand des Arbeitskreises, nicht nur darum, Rechte zu wahren, sondern auch Werte zu verdeutlichen, die eine Erneuerung des deutschen Staatswesens und einen Wiederaufstieg Deutschlands unter aktiver Mitwirkung der Heimatvertriebenen möglich machten.

Zu diesem Zweck setzte sich der Arbeitskreis für eine Organisation der Vertriebenen in überparteilichen Landsmannschaften ein.

Die Tätigkeit des Arbeitskreises galt insgesamt, wie von Braun in einem Tätigkeitsbericht betonte, „dem ganzen Deutschland und einer neuen friedlichen Ordnung der Welt“.

Die Prinzipien, die vom Arbeitskreis vertreten wurden, sollten in der „Charta der Heimatvertriebenen“, die am 5. August 1950 in Stuttgart verkündet wurde und die einen Verzicht auf Rache und Vergeltung sowie das Bekenntnis zum freien Europa enthielt, ihren Niederschlag finden.

Vom Arbeitskreis waren kurz vorher die „Dokumente der Menschlichkeit im Zeitalter der Massenaustreibungen“ veröffentlicht worden. Sie enthielten Taten der Nächstenliebe, die den deutschen Heimatvertriebenen bei ihrer Vertreibung von Angehörigen anderer Volkszugehörigkeit zuteil geworden waren. Aus den Dokumenten sprach das Bewußtsein, daß das größte Leid nicht die Verurteilung ganzer Völker rechtfertigt, deren Angehörige Ursache dieser Not sind.

Der Dokumentenband, der auch in englischer Übersetzung erschien, fand im Ausland große Beachtung. Albert Schweitzer erwähnte ihn anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises am 4. November 1952 in Oslo. Er sagte, daß er kaum je ein Buch mit solcher Ergriffenheit gelesen habe. „Es kann denen, die den Glauben an die Menschheit verloren haben, ihn zurückgeben.“

Gleiche Beachtung wie dieser Dokumentenband fand eine Sammlung von Berichten über das Zusammenleben polnischer Neusiedler mit in ihrer Heimat verbliebenen Deutschen.

Die Anfänge des Arbeitskreises sind zunächst von dem damals erst entstehenden Lande Niedersachsen unter dem Ministerpräsidenten Hinrich Kopf und später auch von der Bundesrepublik Deutschland gefördert worden.

Die angelsächsischen Mächte traten auf den Tagungen des in Potsdam 1945 geschaffenen Außenministerrates für den Verbleib eines erheblichen Teils der Oder-Neiße-Gebiete bei Deutschland ein. Die Bundesregierung, die dieses Ziel in Verbindung mit dem von den vier Mächten vorgesehenen Friedensvertrag  verfolgte, konnte sich bei den mit der territorialen Frage verbundenen Problemen auf die Sachkenntnis des Göttinger Arbeitskreises stützen. Dieser hatte für die Tagung des Außenministerrates in Moskau im März/April 1947 eine Denkschrift über Ostpreußen erarbeitet, die in einer englischen Übersetzung („East Prussia“) dem amerikanischen Außenminister George C. Marshall zugeleitet wurde. Sie trug dazu bei, daß Marshall, unterstützt von dem britischen Außenminister Bevin, eine für Deutschland günstigere Ostgrenze befürwortete. Dieser Vorgang zeigte, daß der Göttinger Arbeitskreis als eine private Vereinigung besonders geeignet war, auf die mit den deutschen Vertriebenen und ihren Heimatgebieten verbundenen Probleme nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland aufmerksam zu machen.

Neben wissenschaftlich begründeten Veröffentlichungen ist so die allgemeine publizistische Tätigkeit in dieser Phase zu einem Schwerpunkt der Arbeit des Göttinger Arbeitskreises geworden. Sie fand ihren Ausdruck in dem von Professor K. O. Kurth betreuten und seit 1949 wöchentlich erscheinenden „Pressedienst der Heimatvertriebenen“ (hvp). Zeitweilig erschienen von ihm Ausgaben in englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Sprache.

Die Erinnerung an die ostdeutschen Universitäten und die von ihnen erbrachte wissenschaftliche Leistung wurde unter Heranziehung von aktuellen wissenschaftlichen Beiträgen in zwei vom Arbeitskreis herausgegebenen Jahrbüchern festgehalten.

An das „Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg/Pr.“ 1951 schloß sich 1955 das „Jahrbuch der Schlesischen Friedrich- Wilhelms-Universität zu Breslau“ an. Von den Beiheften des Königsberger Jahrbuchs hat der Erlebnisbericht des Königsberger Arztes Professor Wilhelm Starlinger „Grenzen der Sowjetmacht im Spiegel einer West-Ost-Begegnung hinter Palisaden 1945-1954“ (1954) besonderes Aufsehen erregt. Aus ihm gingen die beginnenden sowjetisch-chinesischen Spannungen, die später zu der Krise zwischen Moskau und Peking führen sollten, hervor.

In der ersten Phase von 1946 bis 1970 sind vom Göttinger Arbeitskreis unter Einschluß der Universitätsjahrbücher fast 400 Veröffentlichungen herausgegeben worden, die meist im Holzner-Verlag, Würzburg, erschienen sind.

In einer „Schriftenreihe“ sind 68 Hefte veröffentlicht worden. Sie behandelten in einer knappen Form die Geschichte, Landeskunde, Wirtschaft, Kultur und Persönlichkeiten der deutschen Ostprovinzen und die deutschen Siedlungsgebiete im östlichen Europa. Die von Wissenschaftlern und Sachkennern verfaßten Hefte waren für den Unterricht in den Schulen und für die Erwachsenenbildung gut geeignet. Die deutschen Siedlungsgebiete in Rußland wurden im Doppelheft 52/53 von Johannes Schleuning dargestellt.

Eine weitere Reihe  - Ostdeutsche Beiträge - behandelte die Geschichte ostdeutscher Kreise und Städte. 21 Darstellungen konnten fertiggestellt werden.

Daneben hat es größere und kleinere Einzelveröffentlichungen gegeben. Außer dem Handbuch „Das östliche Deutschland“ (1959), das auch ins Englische übersetzt wurde, sind unter den Monographien unter anderem zu erwähnen:

„Europäische Briefe im Reformationszeitalter“ von Walther Hubatsch (1949), „Kant und Königsberg“ von Kurt Stavenhagen (1949), „Deutsch-slawische Schicksalsgemeinschaft“ von Fritz Gause (1952), „Baltische Geschichte“ von Reinhard Wittram (1954), „Geschichte der Albertus-Universität zu Königsberg/Pr.“ von Götz von Selle (1954, insgesamt vier Auflagen), „Die Geschichte der Synagogen-Gemeinde zu Stettin. Eine Studie zur Geschichte des pommerschen Judentums“ von Jacob Peiser (2. Aufl. 1965), „Die Albertus-Universität zu Königsberg/Preußen in Bildern“ von W. Hubatsch und I. Gundermann (1966), „Verfassungswandel und Wirtschaftsstruktur. Die mittelalterliche und neuzeitliche Territorialgeschichte ostmitteldeutscher Adelsherrschaften als Beispiel“ von Friedrich-Wilhelm Henning (1969), „Ostpreußens Arbeiterbewegung. Geschichte und Leistung im Überblick“ von Wilhelm Matull (1979).

Die Referate, die auf der Wissenschaftlichen Jahrestagung in Göttingen gehalten wurden, sind meist zusammen mit dem vom geschäftsführenden Vorstandsmitglied erstatteten Tätigkeitsbericht im Königsberger Universitätsjahrbuch veröffentlicht worden. Teilweise wurden die Referate Einzelveröffentlichungen zugrunde gelegt. So zum Beispiel der Sonderdruck „Zu den deutsch-polnischen Beziehungen“ von H. Jablonowski und H. Marzian.

Die Wissenschaftliche Jahrestagung war zugleich eine Tagung des Beirats des Göttinger Arbeitskreises, dem anfangs eine größere Bedeutung zukam. Zu den ersten Beiratsmitgliedern gehörten u. a. die Professoren M. H. Boehm, G. Ipsen, H. Mortensen, Th. Schieder, W. Weizsäcker und der Dozent W. Markert. Professor Dr. G. v. Selle war Mitglied des Vorstandes.

Viele Veröffentlichungen stellten einen wesentlichen Beitrag zur damaligen Osteuropaforschung dar. Eine enge Zusammenarbeit bestand mit dem Herder-Forschungsrat und mit dem Johann Gottfried Herder-Institut in Marburg/Lahn.

Nach dem Tode von Professor Kraus 1965 wurde mir das Amt des Präsidenten übertragen. Da ich der Gründungsvorsitzende des wissenschaftlichen Direktoriums des 1961 errichteten Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln war, erfolgte damit auch in personeller Hinsicht eine Annäherung an die traditionelle deutsche Osteuropaforschung.

Gleichzeitig mit der Jahrestagung fand die vom Göttinger Arbeitskreis wieder ins Leben gerufene Sitzung der Gesellschaft der Freunde Kants mit dem traditionellen „Bohnenessen“ statt. Die Vorträge des jeweiligen „Bohnenkönigs“ sind im Königsberger Universitätsjahrbuch veröffentlicht worden.

II. Von den Ostverträgen bis zur Wiedervereinigung Deutschlands

Aus dem Moskauer Vertrag mit der Sowjetunion und dem Warschauer Vertrag mit Polen von 1970 war zu ersehen, daß von der Bundesregierung der sozial-liberalen Koalition die Hoffnung auf eine Änderung des territorialen Besitzstandes Deutschlands im weiter ausstehenden Friedensvertrag mit Deutschland aufgegeben worden war. Damit fiel auch das bisherige Interesse an einer beratenden Funktion und den publizistischen Aktivitäten des Göttinger Arbeitskreises weg. Bei dieser Lage mußte mit einer Verminderung der bisher dem Arbeitskreis gewährten Bundesmittel gerechnet werden. Daß sie ganz wegfielen, was mit Sparmaßnahmen begründet wurde, war unerwartet und nicht gerechtfertigt. Selbst bei einer förmlichen Bestätigung der Oder-Neiße-Grenze als endgültiger deutsch-polnischer Grenze blieb die Aufgabe, das ostdeutsche historische Erbe zu bewahren. Das ist durch den Göttinger Arbeitskreis in seinen zahlreichen Veröffentlichungen vorbildlich geschehen. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit dieser Aufgabe sollte sich erst sp“ter durchsetzen und führte zur Gründung des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte in Oldenburg 1990, mit dem der Arbeitskreis freundschaftlich verbunden ist.

In der Zwischenzeit sind Lücken, vor allem bei der Geschichte der ostdeutschen Kreise und Städte, entstanden, die heute nur schwer zu schließen sind, da seitdem viele Zeitzeugen verstorben sind.

Der Entzug der Bundesmittel, der eine Verminderung des an sich kleinen Mitarbeiterstabes zur Folge hatte, fiel mit dem Tode von Freiherr von Braun 1974 zusammen. Sein Nachfolger als geschäftsführendes Vorstandsmitglied wurde Herbert Marzian, der wesentlichen Anteil an der Arbeit des Arbeitskreises seit seiner Entstehung hatte.

Die schwierige Lage erforderte ein höheres Engagement des ehrenamtlich tätigen Präsidenten und seines Vertreters. Dieses Amt wurde weiter von Dr. Wolf Freiherr von Wrangel wahrgenommen. Er sorgte als Vizepräsident mit Hilfe der Gesellschaft der Freunde des Göttinger Arbeitskreises dafür, daß eine begrenzte finanzielle Grundlage erhalten blieb.

Sie ermöglichte die Fortführung der Tätigkeit des Arbeitskreises, der sich jetzt auf die mit der Deutschlandfrage verbundenen Probleme konzentrierte.

Nach dem Tode von Frhr. v. Wrangel wurde das Amt des Vizepräsidenten zeitweilig von Professor Dr. Gerhard Funke (Mainz) und Professor Dr. Alexander Fischer (Bonn) ausgeübt und ist dann von Professor Dr. Richard Nürnberger (Göttingen) übernommen worden.

Die Wissenschaftlichen Jahrestagungen fanden dank der Vermittlung von Professor Dr. Gerhard Funke nunmehr im Frühjahr in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz statt und wurden finanziell von der Regierung des Landes Rheinland-Pfalz unterstützt.

In Göttingen wurde ergänzend eine wissenschaftliche Fachtagung, die speziellere Themen behandelte, im Herbst vorgesehen. Sie wurde anfangs dank der finanziellen Unterstützung durch die damalige Regierung des Landes Niedersachsen ermöglicht. An diesen beiden Tagungsformen ist bis heute festgehalten worden.

Die Ergebnisse der Tagungen, deren Themen durch eine verstärkte Annäherung an die Osteuropaforschung gekennzeichnet waren, sind in zwei Buchreihen im Verlag Duncker & Humblot, Berlin, veröffentlicht worden.

In der Reihe „Studien zur Deutschlandfrage“, die mit dem Band „Die Nation in östlicher Sicht“ eingeleitet wurde, sind bisher 13 Bände erschienen. Bis auf eine Zeitspanne ist dabei die gesamte Entwicklung der Deutschlandfrage erfaßt worden. In drei Bänden ist die DDR behandelt worden.

Die Reihe „Abhandlungen des Göttinger Arbeitskreises“, in der bisher 12 Bände veröffentlicht wurden, war von Anfang an weiter gefaßt. Im Mittelpunkt der Reihe, die mit „Polen heute“ begonnen wurde, stand von vornherein die Innen- und Außenpolitik der Sowjetunion. Auf ihre Entwicklung von Breshnew bis Gorbatschow ist in vier Bänden eingegangen worden. Ein Band über Rußland unter Jelzin und die Ukraine unter Krawtschuk ist kürzlich erschienen.

In zwei Sonderbänden ist „Preußen-Deutschland und Rußland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ und „Deutschland und das bolschewistische Rußland von Brest-Litowsk bis 1941“ behandelt worden.

Die allgemeine publizistische Tätigkeit in Gestalt des Pressedienstes der Heimatvertriebenen wurde eingestellt. Die beschränkten Mittel veranlaßten die Übertragung der Herausgabe des Breslauer Universitätsjahrbuches an die Stiftung Kulturwerk Schlesien. An dem Königsberger Universitätsjahrbuch, dessen Veröffentlichung nur in großen Abständen erfolgen konnte, wurde festgehalten.

Außerhalb der beiden Reihen sind in den siebziger und am Beginn der achtziger Jahre als Einzelveröffentlichungen u. a. der von mir herausgegebene Dokumentenband „Die deutsche Ostpolitik 1961-1970. Kontinuität und Wandel“ (1970), „Die Arbeiterbewegung Ostdeutschlands“ von Wilhelm Matull (1973) und das von Dr. Yoram K. Jacoby (Jerusalem) verfaßte Buch „Juden und jüdisches Leben in Königsberg/Pr. im 20. Jahrhundert“ erschienen.

Auf die Fortsetzung der Ostdeutschen Bibliographie (1953-1972), der Zeittafel und Dokumente zur Oder-Neiße-Linie (1953-1969) und der Beihefte zu den beiden Universitätsjahrbüchern mußte verzichtet werden.

Eine Besserung der finanziellen Lage gab den Bemühungen, eine deutschlandpolitische Forschungsstelle als eine feste Grundlage für die wissenschaftliche Forschungstätigkeit des Arbeitskreises zu schaffen, Auftrieb. Sie war als Vorstufe zu einem Forschungsinstitut gedacht, das sich in stärkerem Maße auch mit der Nationalitätenfrage in Osteuropa, insbesondere in der Sowjetunion, befassen sollte.

Die zeitweilig von der Niedersächsischen Landesregierung gewährte institutionelle Förderung ermöglichte es, für diesen Bereich in Dr. Alfred Eisfeld, der sich mit den Problemen der Ruß-landdeutschen gründlich auskannte, einen qualifizierten hauptamtlichen Mitarbeiter zu gewinnen.

Bereits vor dem im Sommer 1988 erfolgten Tode von Herbert Marzian wurde zu dessen Entlastung das Amt eines Geschäftsführers des Göttinger Arbeitskreises geschaffen, das Dr. Eisfeld übertragen wurde.

Die ehrenamtliche Funktion eines geschäftsführenden Vorstandsmitgliedes wurde von Professor Dr. Gottfried Zieger und nach dessen frühem Tod (1991) von Professor Dr. Dietrich Rauschning, ebenfalls Völkerrechtler und Ordinarius der Universität Göttingen, übernommen.

Während sich eine Verlängerung der von Hannover gewährten Mittel nicht erreichen ließ, konnte in Bonn seit 1992 mit einem erhöhten Interesse an der Tätigkeit des Göttinger Arbeitskreises gerechnet werden. Die Unterstützung durch das Bundesministerium des Innern auf der Grundlage von Projekten ermöglichte es, den Mitarbeiterstab ein wenig zu vergrößern, während das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen die Errichtung einer deutschlandpolitischen Dokumentationsstelle förderte.

Auf der Wissenschaftlichen Jahrestagung des Göttinger Arbeitskreises 1967 ist von mir der Vorschlag eines bilateralen Friedenspaktes zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, der die Bereitschaft der Sowjetführung zur Freigabe der DDR erhöhen sollte, gemacht worden. Als Mitglied der Expertengruppe im Bundeskanzleramt habe ich den Vorschlag, der Sowjetunion einen zweiseitigen „Großen Vertrag“ anzubieten, wiederholt. Er ist von Bundeskanzler Kohl aufgegriffen worden und hat dazu beigetragen, die Ablehnung der Sowjetführung gegen die Einbeziehung des vereinigten Deutschland in die NATO zu überwinden.

Der ehemalige sowjetische Außenminister Schewardnadse hat betont, daß die bilateralen Verhandlungen, die durch diesen Vorschlag ausgelöst wurden, ebenso wie die multilateralen Zwei- plus-Vier-Verhandlungen wesentlich zum Erfolg des Wiedervereinigungsprozesses beigetragen haben.

Der Vertrag „Über gute Nachbarschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit“ zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion ist am 19. September 1990 paraphiert und am 5. November 1990 von Bundeskanzler Dr. Kohl und Gorbatschow als Präsidenten der UdSSR in Bonn unterzeichnet worden. Im Artikel 15 wurde den sowjetischen Bürgern deutscher Nationalität mit der Wahrung ihrer Sprache, Kultur und Tradition die Entfaltung ihrer nationalen, sprachlichen und kulturellen Identität zugesichert.

Damit kam der Befassung des Göttinger Arbeitskreises mit den „Rußlanddeutschen“ eine besondere Bedeutung zu. Dem trug der Beschluß des Vorstandes 1990, ein Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung auf der Grundlage der deutschlandpolitischen Dokumentationsstelle zu errichten, Rechnung.

Der Vorstand des Göttinger Arbeitskreises stellte das wissenschaftliche Direktorium des Instituts mit dem Präsidenten als Vorsitzenden, während die geschäftsführende Leitung dem Geschäftsführer des Arbeitskreises übertragen wurde.

Die Auflösung des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen und die Erneuerung der Institutionalisierung des Göttinger Arbeitskreises durch den Bund führte zu einer vollständigen Einbeziehung mit dem Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung in den Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern.

III. Von der Wiedervereinigung und dem Zerfall der Sowjetunion bis zur Gegenwart

Die Forschungstätigkeit des Göttinger Arbeitskreises ist seit der Wiedervereinigung wesentlich durch die Auswirkungen des Zerfalls der Sowjetunion Ende 1991 bestimmt worden. Den Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit bildeten nunmehr die Deutschen in der gesamten ehemaligen Sowjetunion, d. h. nicht nur in Rußland und der GUS, sondern auch im Baltikum. Da sich ihr Leben in einem neuen staatlichen Rahmen abspielt oder im baltischen Fall die staatliche Unabhängigkeit wiedergewonnen wurde, hat sich für den Göttinger Arbeitskreis eine doppelte Aufgabe gestellt: einerseits sich mit der Geschichte und Gegenwart der jeweiligen deutschen Volksgruppe zu befassen, andererseits auch auf die Entwicklung der einzelnen neuen Staaten und ihre gegenseitige Zusammenarbeit einzugehen.

Außerdem blieb die Aufgabe, sich weiterhin mit der Entwicklung Deutschlands von der Teilung bis zur Wiedervereinigung sowie den Beziehungen des wiedervereinigten Deutschland zu den osteuropäischen Staaten zu befassen.

Im Sinne der im Verlauf der Entwicklung veränderten Aufgabenstellung ist die Satzung des Göttinger Arbeitskreises durch Beschluß der Mitgliederversammlung vom 19. Oktober 1993 geändert worden. Als Vereinszweck wird jetzt „die wissenschaftliche Erforschung der rechtlichen, politischen und sozialökonomischen Lage der Deutschen im östlichen Europa sowie die Probleme der Entwicklung Deutschlands und seiner osteuropäischen Nachbarn und ihrer Zusammenarbeit im gesamteuropäischen Rahmen“ bezeichnet. Sowohl die Tagungen des Göttinger Arbeitskreises als auch die Forschungstätigkeit des Instituts für Deutschland- und Osteuropaforschung dienen der Erfüllung dieser Aufgaben.

In diesem Sinne sind auf den Wissenschaftlichen Jahrestagungen des Arbeitskreises in den neunziger Jahren folgende Themen behandelt worden:

1990    Die außenpolitische Lage Deutschlands am Beginn der neunziger Jahre

1991            Politische Fragen und Rechtsprobleme des vereinigten Deutschlands

1992    Die Umformung der Sowjetunion - Vom Imperium zum Staatenbund - I. Die europäischen Nachfolgestaaten der UdSSR und die GUS-Deutschen

1993    Das System und die Außenpolitik der GUS-Staaten sowie ihr Verhältnis zu Deutschland und Europa

1994    Von der Sowjetunion Gorbatschows zu Rußland unter Jelzin und der Ukraine unter Krawtschuk

1995    50 Jahre sowjetische und russische Deutschlandpolitik sowie ihre Auswirkungen auf das gegenseitige Verhältnis

1996    Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und die nichtrussischen GUS-Staaten im Wandel

Für 1997 ist das „nationale Minderheitenrecht in Osteuropa“ als Thema vorgesehen.

Die Ergebnisse der Tagungen 1990, 1991 und 1994 sind bei Duncker & Humblot erschienen. 1995 ist in Vorbereitung.

Die Tagungen 1993 und 1994 haben in den folgenden Einzelveröffentlichungen ihren Niederschlag gefunden:

„Die Außenpolitik der GUS-Staaten und ihr Verhältnis zu Deutschland und Europa“ 1994 im Verlag Wissenschaft und Politik, Köln; „Die GUS-Staaten in Europa und Asien“ in der Reihe „Nationen und Nationalitäten in Osteuropa“, Bd. 3, 1995, im Nomos-Verlag, Karlsruhe. Auch die Tagung 1996 ist zur Veröffentlichung in dieser Reihe vorgesehen.

Die Fachtagungen in den neunziger Jahren waren folgenden Themen gewidmet:

1990            Systemwandel und Systemänderung in Ostmitteleuropa und in der DDR - Gemeinsamkeiten und Unterschiede -

1991            Wendepunkte und Wegmarken der Deutschland- und Ostpolitik

1992    Die Umformung der Sowjetunion - Vom Imperium zum Staatenbund - II. Sibirien, die asiatischen Nachfolgestaaten der UdSSR und die GUS-Deutschen

1993    Der Beitrag der baltischen und städtischen Deutschen zur Modernisierung und Europäisierung Rußlands im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

1994    Der Beitrag der baltischen und städtischen Deutschen zur Entwicklung des Russischen Reiches in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg

1995            Deutsche in Rußland und in der Sowjetunion 1914 bis 1928

Für die Fachtagung 1996, die mit dem Jubiläum des Göttinger Arbeitskreises zusammenfällt, ist das Thema „Lage und Perspektiven der Deutschen in Rußland und in den GUS-Staaten nach den russischen Parlaments- und Präsidentenwahlen“ vorgesehen.

Die Referate der Fachtagung 1990 sind im Band „Die revolutionären Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa“ der Abhandlungsreihe zusammengefaßt worden; die Tagung 1991 bedarf der Ergänzung; 1992 ist in den Band „Die GUS-Staaten in Europa und Asien“ einbezogen worden.

Die Ergebnisse der Fachtagung 1993 haben in einer Einzelveröffentlichung ihren Niederschlag gefunden, die auch im Falle von 1994 und 1995 vorgesehen ist.

Für 1997 ist das Thema „Deutsche in der Sowjetunion 1928 bis 1941“ geplant.

Aus einem früheren Forschungsvorhaben von Dr. Hubertus Neuschäffer ist ein Buch über Nordostpreußen hervorgegangen.

Im Rahmen des Instituts ist von Dr. Cornelius Hasselblatt aufgrund seiner Tätigkeit als Estland-Referent das Buch „Minderheitenpolitik in Estland. Rechtsentwicklung und Rechtswirklichkeit 1918-1995“ (1996) veröffentlicht worden. Detlef Henning als Lettland-Referent bereitet das Gegenstück für Lettland, ebenfalls unter besonderer Berücksichtigung der Baltendeutschen, vor.

Von Dr. Eisfeld und dem als Referent mit den Rußlanddeutschen befaßten Victor Herdt ist eine umfangreiche Dokumentation „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956“ erarbeitet und 1996 im Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, veröffentlicht worden.

Unabhängig vom Göttinger Arbeitskreis sind in der ersten Hälfte der achtziger Jahre zwei interdisziplinäre Studiengruppen als lockere Arbeitsgemeinschaften von Wissenschaftlern gegründet worden, mit denen der Göttinger Arbeitskreis eng zusammenarbeitet. Diese Zusammenarbeit findet hauptsächlich in gemeinsamen Tagungen statt, deren Ergebnisse in Sammelbänden festgehalten werden.

Mit der Studiengruppe für die Deutschen aus Rußland und der Sowjetunion führte der Göttinger Arbeitskreis im September 1990 in der Ostsee-Akademie Lübeck-Travemünde ein Symposium unter Teilnahme russischer und rußlanddeutscher Wissenschaftler durch, das im Band „Die Rußlanddeutschen. Gestern und heute“, 1992 im Markus-Verlag, Köln, erschienen, seinen Niederschlag fand.

Die Studiengruppe ist 1995 in die Wissenschaftliche Kommission für die Deutschen in Rußland und in der GUS umgewandelt worden. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Eisfeld gewählt. Die diesjährige Fachtagung des Göttinger Arbeitskreises findet in Zusammenarbeit mit der Kommission statt.

Die Studiengruppe für gegenwartsbezogene Baltikumforschung wird seit ihrer Gründung 1982 von mir geleitet. Seit den neunziger Jahren beteiligt sich der Göttinger Arbeitskreis an den von der Studiengruppe veranstalteten Baltikumtagungen in der Ostsee-Akademie. Sie betrafen:

1991    Die Probleme der Umgestaltung der Wirtschaftsordnung in den baltischen Staaten von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft

1993    Die Außenpolitik der baltischen Staaten und die Internationalen Beziehungen im Ostseeraum

1994    Der Aufbau einer freiheitlich-demokratischen Ordnung in den baltischen Staaten. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft

1995    Die deutsche Volksgruppe in Estland während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch-estnischen Verhältnisses

1996    Die deutsche Volksgruppe in Litauen und im Memelgebiet während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch-litauischen Verhältnisses

Das Symposium 1997 soll sich mit Lettland befassen.

Die Ergebnisse der Tagung 1991 sind unter dem Titel „Die Wirtschaft der baltischen Staaten im Umbruch“ 1993 im Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, erschienen; die Tagungen 1993, 1994, 1995 sind unter der Bezeichnung des jeweiligen Tagungsthemas im Verlag „Baltica“ in Hamburg veröffentlicht worden. 1996 wird zum Druck vorbereitet.

Die Notwendigkeit, eine bessere Kenntnis über einzelne GUS-Staaten oder größere Regionen zu haben, veranlaßte die Leitung des Göttinger Arbeitskreises, die Initiative zur Bildung von weiteren Studiengruppen zu ergreifen.

So sind seit 1993 die konstituierenden Tagungen der Studiengruppen für Kaukasien, die Ukraine und Zentralasien durchgeführt worden.

Besonders gut hat sich die Studiengruppe für Kaukasienforschung mit Prof. Dr. J. Stadelbauer als Vorsitzendem und Raoul Motika als Geschäftsführer entwickelt. Sie hat 1996 eine weitere Tagung durchgeführt und gibt das Nachrichtenblatt „Neue Kaukasische Post“ heraus. In den Forschungsbereich dieser Studiengruppe ist die nordkaukasische Region als Teil der Rußländischen Föderation einbezogen worden. Es ist wünschenswert, wenn neben Weißrußland und der Moldau Studiengruppen für drei weitere Regionen Rußlands gebildet werden und damit eine wissenschaftliche Berücksichtigung finden: Sibirien, der Bereich zwischen Wolga und Ural und der Norden mit Karelien.

Der unmittelbare Forschungsgegenstand des Göttinger Arbeitskreises sind die Deutschen in dem jeweiligen Bereich. Mit der Initiative zur Bildung dieser Studiengruppen hat der Arbeitskreis einer wesentlichen Erweiterung des Forschungsgegenstandes der Osteuropaforschung Rechnung getragen. Die weitere Betreuung der bestehenden GUS-Studiengruppen soll von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, entsprechend den bisherigen Fachgruppen, übernommen werden. Die enge Verbindung zur Studiengruppe für die baltischen Staaten, die dem ostmitteleuropäischen und nicht dem eurasischen Bereich angehören, wird dagegen weiter aufrechterhalten.

Eine Region der Rußländischen Föderation liegt dem Göttinger Arbeitskreis besonders am Herzen und wird von ihm selbst in der Forschung wahrgenommen. Es ist dies das Gebiet Kaliningrad (Königsberg).

Vertreten durch Professor Rauschning und mit der Herstellung der russischen Übersetzung der Universitätsgeschichte von Hubatsch-Gundermann, hatte der Göttinger Arbeitskreis wesentlichen Anteil an der Gestaltung der 450-Jahr-Feier der Königsberger Universität 1994 und am Gedenken an die wissenschaftliche Leistung der Albertina, die in einem Sonderband des Königsberger Universitätsjahrbuches (1995) dargestellt wurde.

Der Göttinger Arbeitskreis hat im Herbst 1992 ein internationales Symposium über Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des Gebietes Saratow durchgeführt. Er beteiligt sich auch an der Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Deutschen in Rußland in Anapa, Rußland, und der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Deutschen in der Ukraine und den von diesen durchgeführten Tagungen.

Seit 1990 gibt der Göttinger Arbeitskreis einen Informationsdienst „Deutsche in der ehemaligen Sowjetunion“ heraus. In Zusammenarbeit mit der Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Deutschen in Rußland, Moskau, und dem Internationalen Verband der deutschen Kultur, Moskau, veröffentlicht er seit 1995 das „Naučno-informacionnyj bjulleten'„.

An seinem 50. Gründungstag kann der Göttinger Arbeitskreis, der bei einem kleinen Mitarbeiterstab immer auf ehrenamtliche Mitwirkung angewiesen war, mit Befriedigung auf den zurückgelegten Weg schauen, obgleich die von ihm anfangs verfolgte Zielsetzung nur teilweise verwirklicht werden konnte.

Der Göttinger Arbeitskreis hat durch seine Tätigkeit dazu beigetragen, die Kenntnisse über Ostdeutschland und die Deutschen im östlichen Europa zu verbreiten und durch seine Forschungen wesentlich zu erweitern. Durch seine Aktivitäten hat er dazu beigetragen, den Gedanken einer Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands wachzuhalten.

Durch seine Tagungen, die von ihm angeregten Studiengruppen und seine zahlreichen Veröffentlichungen hat er zugleich einen wesentlichen Beitrag für die deutsche Osteuropaforschung geleistet, der infolge der bedeutenden Ausweitung ihres Forschungsgegenstandes eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zufällt. Sie setzt eine Erhöhung und nicht eine Verminderung der ihr bisher gewährten Mittel voraus.