Wir über uns
Dr. Alfred Eisfeld:
Zehn Jahre Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung des Göttinger Arbeitskreises e.V.
(Vortrag, gehalten am 16. November 2000 auf der Wissenschaftlichen Fachtagung des Göttinger Arbeitskreises in Bovenden)
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Frage, ob es angebracht sei, das zehnjährige Bestehen eines kleinen Forschungsinstituts zu würdigen, ist sicher berechtigt. Zumal, wenn die Gründung nicht, wie so häufig, durch eine aufwendig gestaltete Broschüre auf Hochglanzpapier angekündigt wurde.
Die zehn Jahre des Instituts – wie gerne möchte ich sagen: die ersten zehn Jahre – waren eine sehr bewegte Zeit. Die Öffnung der deutsch–deutschen Grenze und die Wiedervereinigung Deutschlands, der Putschversuch in Moskau im August 1991 und der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Beschuß des Parlaments der Russischen Föderation auf Befehl des russischen Präsidenten Jelzin, die Bemühungen der Bundesregierung, mit Ländern Ostmitteleuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion durch vertragliche Regelungen die Beziehungen neu zu ordnen und den Frieden auf dem europäischen Kontinent zu einem Dauerzustand werden zu lassen, die Osterweiterung der NATO und die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Gemeinschaft mit ehemals sozialistischen Staaten waren Ereignisse, die nicht nur die politische Landkarte Europas veränderten. Sie haben auch die Gedanken und Gefühle der Menschen nachhaltig beeinflußt.
Die Vision vom gemeinsamen europäischen Haus hat zumindest insofern Gestalt bekommen, als daß man Landesgrenzen – nicht nur die der Schengener Staaten – fast ungestört passieren kann. Über den freien Reiseverkehr und den Austausch von Informationen und Gedanken entscheiden nicht mehr Sicherheitsbehörden des jeweiligen Heimatstaates.
Binnen kurzer Zeit setzten sich in osteuropäischen Staaten Auffassungen vom Recht der Bürger auf freien Zugang zu Informationen durch, wie sie in westlichen Demokratien seit langem Standard sind. Lassen Sie mich das anhand von Publikationen aus den bis Ende der 1980er Jahre von der KPdSU überwachten Bereichen Zeitgeschichte und Archivwesen belegen.
Die sowjetische Historiographie hat im Laufe der Jahrzehnte den bolschewistischen Umsturz vom November 1917 in Petrograd, dem früheren und heutigen St. Petersburg, zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, den jahrelangen Bürgerkrieg zu einem Siegeszug der Bolschewiki hochstilisiert. Mit dem Ableben der Zeitzeugen erlosch auch die Erinnerung an die unterlegenen Gegner. Die Historiographie der 1930er und 1940er Jahre kannte nur noch Sieger. Die Geschichtsschreibung über diese Periode war zum Wettsingen von Lobeshymnen verkommen.
Folgerichtig mußte man sich nach dem Untergang der Sowjetunion daran machen, die unterdrückten Teile der Geschichte Rußlands des XX. Jahrhunderts neu zu erforschen. Anders als zu Sowjetzeiten geschah das unter internationaler Beteiligung. Aus den vielen bereits abgeschlossenen Projekten möchte ich hier einige nennen. Die sechsbändige Ausgabe der Protokolle des Zentralkomitees und der Auslandsgruppen der Partei der Konstitutionellen Demokraten aus den Jahren 1905–1930 wurde mit Unterstützung der Ben–Gurion–Universität und unter Mitwirkung von Fachleuten aus den USA und aus Israel erarbeitet und veröffentlicht. Die Dokumentensammlungen über die Partei der Menschewiki in den Jahren 1917 und 1918 wurden unter Mitarbeit von Wissenschaftlern der Columbia University und der State University of New Jersey zusammengestellt und publiziert. Das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam und eine Vereinigung aus der Schweiz haben die russische Gesellschaft „Memorial“ u. a. bei der Herausgabe eines Nachschlagewerks zum Thema: „Wer das NKWD [Volkskommissariat des Innern der UdSSR] in den Jahren 1934–1941 leitete“ unterstützt.
Die Herausgabe der für Zeithistoriker hochinteressanten „Sondermappen“ von Stalin und Molotov wurden von seiten der USA finanziert. Am Band „Sondermappe von L. P. Berija“ haben Prof. Dr. Manfred Heinemann (Universität Hannover) und Prof. Dr. Dietrich Beyrau (Universität Tübingen) mitgewirkt. Die Finanzierung übernahm die Volkswagen–Stiftung.
Von einem deutsch–russischen Redaktionskollegium wurde die zweibändige Dokumentensammlung „Lager, Front oder Heimat. Deutsche Kriegsgefangene in Sowjetrußland 1917 bis 1920“ herausgegeben.
Projekte einer ganz anderen Art sind Archivführer und Findbücher für ausgewählte Archivbestände. Hier möchte ich nur wenige besonders interessante nennen, die Erarbeitung und Drucklegung der Archivführer für das Zentrale Staatsarchiv der Sowjetarmee, das Archiv der Außenpolitik des Russischen Reiches und das Russische Zentrum zur Aufbewahrung und Erforschung von Dokumenten der Geschichte der Neuzeit wurden von den USA finanziert. Einen Archivführer für Aktenbestände der russischen Emigration in Prag finanzierten neben dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam eine italienische Stiftung und zwei französische Einrichtungen. An der Erarbeitung des Archivführers für die Aktenbestände des Staatsarchivs der Geschichte der RSFSR waren wiederum Prof. M. Heinemann (Universität Hannover) und Prof. D. Beyrau (Universität Tübingen) sowie die Volkswagen–Stiftung beteiligt.
Konnte in diesem Konzert der Großen ein kleines Institut aus Göttingen mitspielen?
Zuerst einige Daten und Fakten zur Institutsgründung.
Nach entsprechenden Vorarbeiten hat der Vorstand des Göttinger Arbeitskreises e. V. in seiner Sitzung am 26. Oktober 1989 beschlossen, ein Forschungsinstitut zu gründen. Es verging ein Jahr, bis die nächste ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins am 26. Oktober 1990 die Vereinssatzung änderte.
Während es in der Satzung in der Fassung von 1974 hieß: „Der Verein bezweckt die Erforschung aller Probleme, die mit der Deutschlandfrage, den deutschen Vertriebenen und ihren Heimatgebieten zusammenhängen, sowie die Herausgabe von Veröffentlichungen zu diesen Fragen“ (§ 1 Abs. 3), heißt es in der seit 1990 geltenden Satzung: „Der Verein bezweckt die wissenschaftliche Erforschung der rechtlichen, politischen und sozialökonomischen Lage der Deutschen im östlichen Europa sowie der Probleme der Entwicklung Deutschlands und seiner osteuropäischen Nachbarn und ihrer Zusammenarbeit im gesamteuropäischen Rahmen.“
Der Name des Instituts – Institut für Deutschland- und Osteuropaforschung – war von Anfang an Programm: die äußeren Aspekte der Wiedervereinigung Deutschlands, die Ausgestaltung seiner internationalen Beziehungen mit den Nachbarn im Osten im Kontext der Ost–West–Beziehungen waren einer der Schwerpunkte der Tätigkeit des Instituts. Allerdings muß einschränkend gesagt werden, daß die staatliche Förderung der Forschungs- und Publikationstätigkeit in diesem Bereich seit der Wiedervereinigung Deutschlands große Veränderungen erfahren hat. Der Wegfall des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen bedeutete zugleich eine Umstrukturierung im nachgeordneten Bereich mit der Schließung zahlreicher Einrichtungen, die als nicht mehr zeitgemäß betrachtet wurden bzw. keine Aufgabe mehr in ihrem bisherigen Tätigkeitsbereich hatten.
Auch die Bundesländer und Stiftungen folgten dieser Linie, so daß es zunehmend problematisch wurde, eine Veranstaltung oder Publikation zu finanzieren. Der Göttinger Arbeitskreis e.V. als Trägerverein des Instituts konnte dennoch Mittel in einem gewissen Umfang aufbringen und wissenschaftliche Jahrestagungen durchführen, im Berliner Verlag Duncker & Humblot eine Reihe – Studien zur Deutschlandfrage – führen sowie Buchveröffentlichungen in anderen Verlagen herausbringen.
Die wissenschaftlichen Jahrestagungen in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz haben uns über Jahre ein gutes Forum und eine angenehme Atmosphäre geboten. Die Ministerpräsidenten Rudolf Scharping und Kurt Beck haben, ebenso wie deren Vorgänger Helmut Kohl, diese Jahrestagungen gefördert. Die Landesregierung von Rheinland–Pfalz gewährte über Jahre einen Zuschuß. Dafür sind wir ihr dankbar.
Wer meinen sollte, zu diesen Jahrestagungen seien nur Gleichgesinnte geladen worden, sollte den Sammelband der Jahrestagung 1995 in die Hand nehmen und sich auch an Berichte in der Presse erinnern. Dort wird er die Namen von engen Mitarbeitern des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow finden.
Anatolij Tschernjajew, Viktor Kuwaldin, Wjatscheslaw Daschitschew sowie Alexej Filitow und Wladimir Schenajew von der Akademie der Wissenschaften Rußlands haben in der Politik und der Wissenschaft an führenden Stellen die untersuchten Prozesse mitgestaltet und wissenschaftlich begleitet. Sie haben auf der genannten Jahrestagung kontroverse Debatten geführt, die bis in die deutsche Tagespolitik hineinwirkten. Hier möchte ich an Berichte in der Tagespresse, z. B. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erinnern.
In der Reihe „Studien zur Deutschlandfrage“ sind im Berliner Verlag Duncker & Humblot in diesen zehn Jahren die Sammelbände
| Deutschland im weltpolitischen Umbruch (1993) | |
| Die Deutschlandfrage von Jalta und Potsdam bis zur staatlichen Teilung Deutschlands 1949 (1993) | |
| Die Deutschlandfrage von der staatlichen Teilung Deutschlands bis zum Tode Stalins (1994) | |
| 50 Jahre sowjetische und russische Deutschlandpolitik sowie ihre Auswirkungen auf das gegenseitige Verhältnis (1999) | |
| Auf dem Wege zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Normalisierung der deutsch–russischen Beziehungen. Ausgewählte Beiträge von Boris Meissner (2000) |
erschienen.
Die Satzungsänderung des Göttinger Arbeitskreises vom 26. Oktober 1990, dem Geburtstag des Instituts, zeigt indes deutlich, daß man die Zeichen der Zeit verstanden hat und den neuen Möglichkeiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit viel Aufmerksamkeit widmete, lange bevor der Begriff „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ zum Kampfmittel um die knapper werdenden staatlichen Mittel wurde.
Doch in Wirklichkeit wurde die Neuorientierung des Göttinger Arbeitskreises ein halbes Jahrzehnt früher eingeleitet, als bei der Landesregierung von Niedersachsen ein Antrag auf Gewährung eines Zuschusses gestellt wurde. Im Frühjahr 1987 konnte neben den in Forschungsprojekten befristet tätigen Wissenschaftlern erstmals wieder ein Wissenschaftler in Göttingen eingestellt werden. Sein Aufgabengebiet war es, die Geschichte und gegenwärtige Lage der Deutschen in der Sowjetunion zu erforschen. 1990 wurden in der Zeitschrift „Osteuropa“ zwei Beiträge über die damals mit viel Aufmerksamkeit verfolgte deutsche Autonomiebewegung in der Sowjetunion veröffentlicht.
Im September 1990 konnte in der Ostsee–Akademie in Travemünde eine erste wissenschaftliche Fachtagung mit sowjetischer Beteiligung durchgeführt werden, die den Deutschen in der Sowjetunion gewidmet war. An dieser Tagung nahm ein Sektionsleiter des ZK der KPdSU als Referent teil. Der Tagungsband konnte 1992 veröffentlicht werden.
Seit 1993 werden Wissenschaftliche Fachtagungen mit internationaler Beteiligung jährlich im Herbst in Göttingen durchgeführt. Aus diesen Tagungen liegen bereits zwei Sammelbände vor. Der dritte Band soll bis Ende 2000 druckreif gemacht werden.
Ebenfalls im September 1990 wurde der Öffentlichkeit die Probenummer des Informationsdienstes „Deutsche in der Sowjetunion“ vorgestellt.
Fachkenntnisse der Mitarbeiter und deren Kontakte in die Sowjetunion waren seit Anfang der 1990er Jahre von der Bundesregierung, von Parlamenten und Gerichten in der Bundesrepublik Deutschland und von karitativen Organisationen sehr gefragt. Daraus gingen die Zuarbeit und Beratung der Bundesregierung bei der Konzeption und Umsetzung von Hilfsmaßnahmen für die Rußlanddeutschen in den GUS–Republiken, soziologische Untersuchungen in Kyrgyzstan und in Westsibirien, gutachterliche Stellungnahmen für Parlamente und Gerichte sowie zahlreiche Vorträge hervor.
Mit Wirkung vom 1. Januar 1994 wurde das Institut in die institutionelle Förderung der Bundesregierung aufgenommen. Die Forschungs- und Publikationstätigkeit konnte nun auf eine solidere Basis gestellt, längerfristig geplant werden. Zu dieser Zeit haben sich bereits folgende Schwerpunkte herausgebildet:
| Wissenschaftliche Fachtagungen in Göttingen | |
| Forschungsprojekte der etatisierten wissenschaftlichen Mitarbeiter | |
| Gemeinsame Projekte mit Archiven in Rußland und in der Ukraine | |
| Wissenschaftliche Konferenzen in Zusammenarbeit mit russischen nichtstaatlichen Organisationen | |
| Historisch–ethnographische Untersuchungen in ehemals deutschen Siedlungen in Zusammenarbeit mit Heimatkundemuseen in Rußland | |
| Publikationen in deutscher und in russischer Sprache in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern |
Von den grenzüberschreitenden Projekten möchte ich hier insbesondere die in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Verband der deutschen Kultur (Moskau) und der Internationalen Assoziation für die Erforschung der Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen (Moskau) seit 1994 jährlich zuerst in Anapa, danach in Moskau veranstalteten wissenschaftlichen Konferenzen, die danach veröffentlichten Tagungsbände und das Wissenschaftliche Informationsbulletin hervorheben.
Diese drei vom Auswärtigen Amt geförderten Projekte zeigen, wie man mit bescheidenen Mitteln ein Thema systematisch bearbeiten kann. Aus den wissenschaftlichen Konferenzen sind bereits sechs Sammelbände mit insgesamt 226 Beiträgen erschienen.
Das zu Beginn in einer Auflage von 300 Exemplaren erscheinende Wissenschaftliche Informationsbulletin wurde zu einem Periodikum, das Wissenschaftler, Archivare und Museen über geplante, laufende und abgeschlossene Forschungsprojekte in den GUS–Staaten, in Deutschland und in Nordamerika unterrichtet. Das Informationsbulletin finden Sie in allen großen Bibliotheken der GUS, in Deutschland, in Israel, den USA und anderen Ländern. Die Auflage wurde wegen der ständig steigenden Nachfrage inzwischen auf 700 Exemplare erhöht.
In Zusammenarbeit mit Gebietsarchiven in Saratov, Dnepropetrovsk und Odessa werden die Aktenbestände der Fürsorgekontore für die ausländischen Ansiedler in der Wolgaregion und in Neurußland (Südukraine) systematisch gesichtet, deren Inhalt annotiert und Findbücher erarbeitet und veröffentlicht. Bislang sind bereits je ein Band für die Archivbestände Saratov und Dnepropetrovsk und drei Bände für das Gebietsarchiv Odessa erschienen. Für den Odessaer Aktenbestand werden es insgesamt 20 Bände sein. Davon sind auf den heutigen Tag bereits 78 % annotiert und werden für den Druck vorbereitet.
Darüber hinaus wurden für den Bereich „Wolgadeutsche“ Findbücher für Aktenbestände einiger Kreisverwaltungen, des Volkskommissariats der ASSRdWD für das Bildungswesen, für Fragen, die von der Regierung der Wolgarepublik in den Jahren 1924 bis 1928 erörtert wurden, und für Aktenbestände über die Wolgarepublik in den Jahren 1928 bis 1934 im Bestand des Archivs Volgograd herausgegeben.
Mit Hilfe dieser Findbücher können Wissenschaftler ihren Aufenthalt gut planen, und Archivare müssen nicht Akten bewegen, die für das Thema irrelevant sind.
Unser Institut hat sich u. a. die Erweiterung der Quellenbasis für weiterführende Forschungen über die Rußlanddeutschen zum Ziel gesetzt. Bislang sind folgende Dokumentensammlungen erschienen:
| Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Die Deutschen in der Sowjetunion in den Jahren 1941 bis 1956. Köln 1996 | |
| Aus der Geschichte der Deutschen in Kazachstan. Dokumente aus den Jahren 1921 bis 1974. [in russischer Sprache] Moskau 1997 | |
| Aus der Geschichte der Deutschen Kyrgyzstans 1917–1999. Biškek 2000 (295 Dokumente, zum überwiegenden Teil noch immer nicht für die Forschung freigegeben) | |
| Karte der ASSR der Wolgadeutschen. M. 1:100 000. Diese 1934 für den Dienstgebrauch erarbeitete Karte wurde durch ein deutsch–russisches und ein russisch–deutsches geographisches Register ergänzt und in Faksimile herausgegeben. Sie wurde damit erstmals für die Forschung zugänglich | |
| Die 1914 von Jakob Dietz verfaßte, aber wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nur in Auszügen veröffentliche Geschichte der deutschen Kolonisten im Wolgagebiet |
In Druck befindet sich der Dokumentenband „Herdt, V. (Hrsg.): Zwischen Revolution und Autonomie. Dokumente zur Geschichte der Wolgadeutschen in den Jahren 1917–1918“.
Für den Druck werden z. Z. Dokumentenbände über die Mennoniten in Südrußland in den Jahren 1917 bis 1919 und über die Deutschen in der Südukraine sowie die von August Lonsinger 1925 verfaßten Aufzeichnungen über die Volkskunde der Wolgadeutschen vorbereitet.
In einigen Besprechungen in Deutschland wurde bemängelt, daß der Fundort der Dokumente im Band „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Die Deutschen in der Sowjetunion 1941 bis 1956“ nicht immer exakt angegeben wurde. Die Rezensenten konnten nicht wissen, daß die Veröffentlichung dieser Dokumente mit Auflagen verbunden war. Erst mehrere Jahre nach unserer Veröffentlichung wurden diese Dokumente an verschiedenen Stellen in russischer Sprache publiziert. Jetzt können unsere Kritiker die Authentizität der Dokumente überprüfen, sofern sie den Zugang zu diesen Archivalien bekommen.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit schloß nach unserem Verständnis und auch dem unseres Zuwendungsgebers, des Bundesministeriums des Innern, die Förderung von Arbeiten ausländischer Wissenschaftler mit ein. So ist das erste umfangreichere Werk über die Deutschen in Odessa, die Dissertation einer ukrainischen Historikerin über die Mennoniten in der Ukraine in den Jahren von 1914 bis 1931 und eine Arbeit über die politische Verfolgung der deutschen Bevölkerung der Ukraine in den 1920er und 1930er Jahren von unserem Institut unterstützt und veröffentlicht worden. Aktenbestände, die der letztgenannten Arbeit zugrunde liegen, sind für die Forschung bis heute nicht zugänglich, und es ist auch mit deren Freigabe in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.
Die Abteilung Baltische Studien unseres Instituts hat wohl die meisten Veränderungen erfahren. Ihr gehörten in dieser Zeit Prof. Dr. Dr. h. c. Boris Meissner, die Herren Assessor Egil Levits, Dr. Cornelius Hasselblatt und Detlef Henning, M. A. an.
Die Abteilung Baltische Studien hat in Zusammenarbeit mit der Studiengruppe für gegenwartsbezogene Baltikumforschung wiederholt Symposien in der Ostsee–Akademie in Travemünde durchgeführt, an denen neben Wissenschaftlern auch hochrangige Vertreter der Parlamente und Regierungen der baltischen Staaten teilnahmen. Diese Symposien wurden zu einem wichtigen Forum für den Informations- und Meinungsaustausch.
Aus diesen Symposien sind bereits Sammelbände über die deutschen Volksgruppen in Estland, in Litauen und in Lettland während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch–estnischen, deutsch–lettischen und deutsch–litauischen Verhältnisses hervorgegangen.
Von Göttingen aus hat Egil Levits im lettischen Rundfunk die Entwicklung in Lettland und in der Welt kommentiert, sich am politischen Geschehen in Lettland beteiligt und wurde Parlamentsabgeordneter in Riga. Seine nächsten Stationen waren: Justizminister und Stellvertretender Ministerpräsident der Republik Lettland, danach Botschafter seines Landes in Wien und z. Z. Richter am europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.
Aus der baltischen Abteilung kommen u. a. die Veröffentlichungen:
| Die baltischen Nationen. Estland, Lettland, Litauen. Köln 1990, 2. Aufl. Köln 1991 | |
| Meissner, B.; Loeber, D. A.; Levits, E. (Hrsg.): Die Wirtschaft der baltischen Staaten im Umbruch. Köln 1993 | |
| Meissner, B.; Loeber, D. A.; Hasselblatt, C. (Hrsg.): Die Außenpolitik der baltischen Staaten und die internationalen Beziehungen im Ostseeraum. Hamburg 1994 | |
| Hasselblatt, C.: Minderheitenrecht in Estland. Rechtsentwicklung und Rechtswirklichkeit 1918–1995. Hamburg 1996 | |
| Meissner, Loeber, Hasselblatt (Hrsg): Der Aufbau einer freiheitlich–demokratischen Ordnung in den baltischen Staaten. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft. Hamburg 1996 | |
| und die von Detlef Henning in lettischer Sprache herausgegebenen ausgewählten Schriften von Paul Schiemann |
Insgesamt hat das Institut aus Mitteln der institutionellen Förderung und aus Mitteln anderer Ressorts und Stiftungen 26 Wissenschaftliche Konferenzen in Deutschland und neun in der GUS durchgeführt und 55 Buchpublikationen veröffentlicht.
Das Aufzählen weiterer Veröffentlichungen spare ich mir und Ihnen und möchte diese Übersicht mit der Feststellung schließen: Ein Institut kann nur so gut sein, wie die an ihm tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich möchte sie hier nennen:
Das sind die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Herr Dipl. –Germ. Victor Herdt und Herr Detlef Henning, M. A., der Redakteur des Informationsdienstes „Deutsche in der ehemaligen Sowjetunion“ Herr Diplom–Sprachmittler Norbert Krallemann, unsere Bibliothekarin Frau Bibl.–Assesorin Kristina Heide, Frau Ingrid Möhring, die Sie von den Abrechnungen der Tagungen kennen, Frau Sabine Eichwald und Frau Marion Hanke, ohne die nicht nur das Telefon schweigen würde, sondern auch manch ein Buch nicht erschienen wäre, Herr Friedrich Meyer, der für jedes Problem eine gute Lösung findet, und Frau Nelly Konrad, die sich gerade auch in den letzten Tagen sehr um das Wohlergehen unserer ausländischen Gäste gekümmert hat. Sie alle haben zum Erfolg des Instituts beigetragen. Ihnen gebührt mein herzlicher Dank!
Ein wesentlicher Beitrag zum Erfolg unseres Instituts wurde von unseren Partnern und Mitarbeitern im Ausland erbracht. Stellvertretend für die jährlich bis zu 40 in unseren Projekten tätigen Ortskräfte in den Ländern der GUS möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Igor’ Pleve aus Saratov, Frau Ol’ga Konovalova aus Odessa und Herrn Dr. Peter Wiebe aus Omsk bedanken!
Recht herzlich möchte ich mich bedanken bei unserem Präsidenten Herrn Prof. Dr. Dr. h. c. Boris Meissner für seine umsichtige Leitung und Unterstützung, mit der man jederzeit rechnen konnte.
Sie alle haben dazu beigetragen, daß unser kleines Institut in diesen zehn Jahren ein unverwechselbares Profil bekommen und seinen Platz in der internationalen Scientific Community eingenommen hat. Die soeben vorgetragenen Glückwünsche und Grußadressen unserer ausländischen Partner belegen das auf eindrucksvolle Weise.
Gestatten Sie mir zum Abschluß noch ein paar Sätze zur gegenwärtigen Lage und den Zukunftsperspektiven des Instituts zu sagen. Aus den Medien wissen Sie, daß die Bundesregierung seit zwei Jahren versucht, eine neue Konzeption zur Kulturförderung nach § 96 BVFG zu erarbeiten. Unserem Institut sollte die institutionelle Förderung entzogen und seine Aufgaben auf andere Einrichtungen verteilt werden. Das wäre nicht nur das Ende des Instituts, sondern auch ein schwerer Rückschlag für die historische Forschung gewesen.
Durch zahlreiche Schreiben an verschiedene Adressaten in Regierung, Parlament und Presse und die Unterstützung ausländischer Politiker, Wissenschaftler und gesellschaftlicher Organisationen konnte das zuständige Ressort zu einer Kursänderung bewogen werden. Die gegenwärtige Planung sieht die Gründung eines neuen „Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa“ mit Sitz in Lüneburg vor. Den Kern soll das gegenwärtige Nordostdeutsche Kulturwerk bilden. Unser Institut soll als Abteilung mit Sitz in Göttingen und mit einer eigenen Titelgruppe im Wirtschaftsplan die Erforschung der Geschichte und Kultur der Rußlanddeutschen weiterhin betreiben. Das Institut behält seine Bibliothek, baut diese als regionale Bibliothek aus und meldet Publikationen über die Rußlanddeutschen für den „Verbundkatalog Östliches Europa“. Kurz gesagt: wir gehen in das elfte Jahr mit etwas reduzierten Mitteln, aber voller Zuversicht.